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Kalorienbomben: Wie die Werte zustande kommen

Kalorien werden in einem Metallgefäß mit dicken Wänden, dem Bombenkalorimeter bestimmt. Darin verbrennt man die Lebensmittel unter starkem Druck mit Hilfe eines glühenden Drahtes. Die dabei entstehende Wärme-Energie lässt sich präzise berechnen. Das Ergebnis wird in Kalorien oder Joule angegeben. Nun isst der Mensch nicht nur, er geht auch auf´s stille Örtchen. Wenn dabei etwas herauskommt, hat er folglich nicht alle Kalorien seiner Speise "verbrannt". Also werden auch die Ausscheidungen im Kalorimeter verschmurgelt und vermessen, die darin ermittelten Kalorien vom vorher Gegessenen und Gemessenen abgezogen. Das Ergebnis ist der Kaloriengehalt, der nachher in den Tabellen steht.

Hier wird also versucht, menschliche Verdauungsvorgänge mit einem Glühdraht und einem Metallgefäß zu simulieren. Für die Berechnung des Brennwertes von Braunkohle oder Erdöl mag diese Methode noch sinnvoll sein. Für die Ernährung eines lebendigen Wesens ist sie wenig brauchbar. Schließlich ist der Mensch kein Kohleofen, in dem nach jedem Essen die Flammen lodern. Im Stoffwechsel wird nichts "verbrannt". Wie der Name sagt, werden die Stoffe aus der Nahrung in andere Stoffe oder Energie umgewandelt - mit unterschiedlichen Wirkungsgraden und angepasst an die Bedürfnisse des Individuums.

Doch nicht nur die Ermittlung der Kalorien ist mysteriös. Die in Tabellen erscheinenden Zahlen sind natürlich nur Durchschnittswerte. Als ob alle Mohrrüben gleich wären, egal wo sie wuchsen, wann sie geerntet und wie lange sie transportiert wurden. Unsere Lebensmittel stammen aus aller Herren Länder. Schwer vorstellbar, dass sie alle den gleichen Kalorien-, Vitamin- und Eiweißgehalt aufweisen sollen. Bei den Ballaststoffen, den populären Garanten für eine gute Verdauung, schlugen die Experten einen recht amüsanten Weg ein: Vor Jahre beschlossen sie, dass Ballaststoffe keine Kalorien zu haben hätten, schließlich seien sie unverdaulich. Dieser Beschluss scheint den Lebensmitteln bis heute unbekannt zu sein. Ungeniert liefern Ballaststoffe wie Pektin und Zellulose Kalorien. Zwar kann der Mensch sie nicht verdauen, doch machen sich im Dickdarm Heerscharen von nützlichen Bakterien darüber her. Dabei entstehen die "berüchtigten" Gärgase und kurzkettige Fettsäuren. Letztere kann der Mensch zur Energiegewinnung nutzen. So kommt es, dass das ehemals kalorienfreie Pektin, ein Ballaststoff, der unter anderem in Äpfeln vorkommt, heute etwa soviel Kalorien liefert wie Sahneeis.

Übrigens ist auch nicht bekannt, wie viel Kalorien der Einzelne braucht. Tabellen jedenfalls lässt sich der Energiebedarf nicht entnehmen, auch wenn in einschlägigen Zeitschriften immer wieder behauptet wird, eine junge Frau mit leichter körperlicher Tätigkeit benötige 2.000 Kalorien pro Tag. Als amerikanische Forscher diese dubiosen Bedarfszahlen (sie stammen aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts) einmal nachprüften, fanden sie heraus, dass der Energiebedarf eine sehr individuelle Größe ist: Er ist bei jedem Menschen anders und unterliegt zudem noch erheblichen Schwankungen. Selbst beim Vergleich von gleich schweren Versuchspersonen schwankte der Kalorienbedarf zur Erhaltung der Körperfunktionen (Grundumsatz) um 1.000 Kalorien. Sie sehen also, Kalorienzahlen jeglicher Art sollten wir nicht allzu ernst nehmen - sie verderben nur den Appetit.

Gebt der Vita-Manie keine Chance!

Nicht nur Kalorienzahlen sind fragwürdig, auch zu den Empfehlungen bei Vitaminen und Mineralstoffen ließen sich eine Menge Ungereimtheiten zusammentragen. Ein paar Beispiele gefällig? Da steht auf einer Packung mit Vitamin-E-Kapseln, sie dienten zur Vermeidung eines Vitamin-E-Mangels. Was würden die Käufer wohl sagen, wenn sie wüssten, dass es bei einem sonst gesunden Menschen gar keinen Vitamin-E-Mangel gibt? Oder die Empfehlung, wir sollten doch mehr Vollkornbrot essen, um unseren Vitamin-B1-Bedarf zu decken. Sonst liefen wir Gefahr, einen Mangel zu erleiden, der schlimmstenfalls in der Krankheit Beri-Beri endet. Zunächst: Wenn die Versorgung mit Vitamin B1 wirklich so schlecht wäre, wie immer getan wird, müsste zur Schließung dieser Lücke vor allem Schweineschnitzel und Knoblauchbrot empfohlen werden. Das Schnitzel enthält sehr viel Vitamin B1, und der Knoblauch verbessert dessen Aufnahme im Darm erheblich. Andererseits ist gar nicht sicher, ob ein Mangel an Vitamin B1 auch beim Menschen wirklich zu Beri-Beri führt, da dieses Phänomen an Tauben und Hühnern untersucht wurde.

Ein weiterer Widerspruch: Auf der einen Seite heißt es, Frauen im gebärfähigen Alter nähmen zu wenig Eisen auf. Dieses Spurenelement ist Bestandteil des Blutes und am Sauerstoff-Transport beteiligt. Ein guter Lieferant für Eisen ist Fleisch. Trotzdem lautet die offizielle Empfehlung, nur 3 kleine Fleischmahlzeiten pro Woche zu essen. Wird die Frau dann schwanger, erhält sie vom Frauenarzt meist ein Eisenpräparat. Der hat nämlich festgestellt, dass gegen Ende der Schwangerschaft der Eisenspiegel im Blut unter den Normwert sinkt. Und dem muss ja wohl vorgebeugt werden. Oder? Vom biologischen Standpunkt aus betrachtet hat die Absenkung des Eisengehaltes einen Sinn: Das Eisen ist ein wichtiger Nährstoff für Krankheitserreger. Und während der Geburt entsteht eine offene Wunde, die das Risiko einer Infektion erhöht. Indem der Körper der Frau gegen Ende der Schwangerschaft das verfügbare Eisen im Blut auf ein Minimum reduziert, schützt er sich vor einer Infektion.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Unser Körper braucht Stoffe wie Vitamine und Mineralstoffe. Und sie können Mangelkrankheiten heilen. Allerdings wird ihre Bedeutung heute hoffnungslos überschätzt. Der Vitamin- und Mineralstoffbedarf des Menschen ist außerdem vielfach noch unbekannt. Empfehlungen wie "Erwachsene sollten 150 Mikrogramm Folsäure pro Tag aufnehmen" beruhen auf groben Schätzungen und Hochrechnungen. Und echte Vitaminmangelkrankheiten sind in unseren Breiten äußerst selten.

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