Tierisches für´s Hirn
Vermutlich haben wir Menschen genau dieser fett- und cholesterinreichen Kost sogar unser großes
Hirn zu verdanken. Unser Denkorgan verbraucht rund ein Viertel der Kalorien, die wir zum
Lebenserhalt benötigen, obwohl es nur etwa zwei Prozent der Körpermasse ausmacht.
Hätten unsere Vorfahren diese Energiemenge allein mit Blättern und
Wurzeln vertilgen müssen, hätten sie den ganzen Tag nichts anderes tun können als essen. Denn pflanzliche Lebensmittel
sind viel schwerer verdaulich als tierische Kost. Deswegen benötigt man zum Aufschluss
pflanzlicher Nahrung einen viel aufwendigeren Verdauungstrakt als ihn der moderne Mensch hat. (42)
Anthropologen wie der US-Amerikaner Craig Stanford nehmen daher an, dass sich unser energiefressendes
Gehirn auf Kosten des Verdauungstraktes entwickelt hat. (43) Somit hätte erst der zunehmende Fleisch-
und Fettanteil in der frühzeitlichen Ernährung die Hirnentwicklung des Menschen ermöglicht:
Hirn, Innereien und Knochenmark lieferten das nötige Fett und Cholesterin,
während Muskelfleisch das leicht verwertbare Eiweiß beisteuerte. (43)
Sicher, Naturvölker unterscheiden sich in vielen Aspekten von uns Mitteleuropäern,
nicht nur in der Fett- und Cholesterinzufuhr. Vor allem die regelmäßige körperliche
Aktivität und der Kalorienaufwand, den sie erbringen müssen, bis sie an etwas Essbares gelangen,
ist nicht mit unserem Lebensstil zu vergleichen. Wir können mit dem Wagen bequem zum "drive-in"
rollen und ohne auch nur einen Finger krümmen zu müssen, massenhaft Kalorien tanken.
Unserer Gesundheit tut diese "faule" Lebensweise sicher nicht gut. Doch ändert
dies nichts an der Tatsache, dass tierische Fette und Cholesterin in Sachen Herzinfarkt zu unrecht beschuldigt werden.
Krank durch "gesunde" Ernährung
Für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Frankfurt gilt noch immer, dass wir uns am
besten vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, wenn wir höchstens 30 Prozent der Kalorien in
Form von Fett essen und dafür bei den Kohlenhydraten umso kräftiger zulangen. (44) Schließlich ist
man dort besonders stolz auf die Konstanz der Ernährungsregeln. So sind es immer nur die "anderen",
die mit neuen Fakten zur "Verunsicherung der Verbraucher" beitragen. Sei´s drum. Fest steht,
dass diese empfohlene Kost nicht nur das genaue Gegenteil dessen ist, was unsere Vorfahren verspeist haben.
Sie hat bislang auch beim domestizierten Homo sapiens kaum genützt, sondern eher geschadet.
Denn genau unter dieser fettarmen "Herzschutz-Kost" entstehen die miesesten Blutfettwerte:
(45, 46) Das "böse" LDL-Cholesterin sinkt zwar, das "gute" HDL-Cholesterin
allerdings auch. Da das Verhältnis von LDL zu HDL das Herzinfarktrisiko sehr viel besser beschreibt als der
Gesamtcholesterinspiegel, bedeutet die gleichzeitige Senkung beider Werte keine Risikominderung.
(1) Schlimmer noch: Das "gute" HDL sinkt umso stärker, je weniger Fett wir essen.
Deshalb bringt eine besonders fettarme Ernährung den Cholesterinspiegel am meisten durcheinander.
Zudem steigen unter der fettarmen und kohlenhydratreichen Kost die Blutfette,
die sogenannten Triglyceride, rapide an. (47) Genau diese Konstellation, viel Triglyceride und wenig HDL-Cholesterin,
gilt als ganz besonders ungünstige Prognose für Infarktgefährdete.
Gleichzeitig verschlechtern sich weitere Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall, wie z.B.
der Gehalt an Zucker, Insulin und an dem Transport-Eiweiß Lp(a) im Blut. Besonders betroffen sind
Menschen mit einem bereits gestörten Insulin- und Fettstoffwechsel, die ohnehin ein hohes Infarktrisiko haben.
Wundert es Sie jetzt noch, dass zumindest bei dieser Personengruppe eine Ernährung
mit 40 bis 50 Prozent Fettgehalt zu wesentlich günstigeren Blutzucker- und
Blutfettwerten führte? (48) Eine fettarme Kost fördert dagegen ganz nebenbei auch noch die Entstehung von
Gallensteinen (69) und sorgt für schlechte Laune. (49) Wohlgemerkt, es handelt
sich um die nachgewiesenen Folgen der noch immer offiziell empfohlenen Herzschutz-Kost!
Eigentlich müsste angesichts solcher Ergebnisse ein Aufschrei durch die Gemeinde der Ernährungsbewussten
und -berater gehen. Doch das Echo ist eher verhalten. Man hört es offenbar nicht gerne, dass die
jahrzehntelang gepredigten Ernährungsregeln schlicht falsch sind. Zum Beispiel die Warnung vor Eiern:
Hier gaben kürzlich zwei der größten und aussagekräftigsten US-Ernährungsstudien,die je
durchgeführt wurden, Entwarnung: Weder bei 80.000 Krankenschwestern noch bei 35.000 Männern aus Gesundheitsberufen
fand sich ein Zusammenhang zwischen der Menge der verzehrten Eier und dem Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko.
(50) Bei Frauen stieg das "gute" HDL sogar an, wenn sie zusätzlich zu ihrer üblichen Ernährung
täglich ein Ei verspeisten. (51)
Das Dilemma trifft die Branche auf breiter Front: Auch wer sich auf ihren Rat hin jahrzehntelang "gesunde"
Margarine auf´s Brötchen gestrichen hat, ist dem Infarkt heute vermutlich näher als die Anhänger der guten
alten Butter. Mittlerweile schüren zahlreiche große Studien die Skepsis gegenüber der "Kunstbutter":
So fand sich in der seit mehr als zwanzig Jahren laufenden Framingham-Studie kein Zusammenhang zwischen
Infarkt und Butterverzehr. Aber je mehr Kunstfett die Männer des US-amerikanischen Städtchens aßen, desto
häufiger traten koronare Herzkrankheiten auf. (52, 53) Auch die Auswertung der Ernährungs-Fragebögen von 85.000
US-Krankenschwestern ergab, dass das Risiko für eine koronare Herzkrankheit mit dem Verzehr von Margarine ansteigt. (17)
Als Ursache werden Begleitstoffe angenommen, die bei der Fetthärtung entstehen, insbesondere bei
der Teilhärtung (partielle Hydrierung): Damit die Rohstoffe in Form von Margarine auf´s Brot
gestrichen werden können, müssen die flüssigen Öle chemisch gehärtet werden. Dabei entstehen
Fettsäuren, die sich von ihren natürlichen Verwandten deutlich unterscheiden: sogenannte
"trans-Fettsäuren" zeigen eine veränderte räumliche Struktur bei anderen Fettsäuren befinden
sich die Doppelbindungen an der falschen Stelle (Positions-Isomere") oder die Fettsäuren
weisen unnatürliche Verknüpfungen auf. (11)
Die möglichen Varianten und Kombinationen veränderter Fettsäuren konnten bislang von keiner
Labor-Analytik vollständig erfasst werden. Deshalb ist die Zusammensetzung von Margarine
bis heute ein Buch mit sieben Siegeln. Und auch die biologischen Wirkungen der neu
entstehenden Fettabkömmlinge sind noch immer nicht aufgeklärt. So gelten derzeit
die trans-Fettsäuren als schädlich für das Herz des Margarine-Essers, ihre Bedeutung
ist aber noch nicht zweifelsfrei geklärt. Studien, die gegen einen Effekt der
trans-Fettsäuren sprechen (54), sind dennoch kein Freibrief für die Margarine,
denn es bleiben genügend andere fehlgebildete Fettbestandteile als potentielle "Schadstoffe" übrig.
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