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Hypnose statt Vollnarkose

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Übersicht 2002
Wenn der Speichelsauger zum Meeresrauschen wird

Patienten der Uniklinik Lübeck können sich vor einer Kiefer- oder Gesichtsoperation in Hypnose versetzen lassen. So verlieren sie die Angst vor dem Eingriff, empfinden weniger Schmerzen und ersparen sich die Vollnarkose. Erster "Testpatient“ war der verantwortliche Arzt

Die Lübecker Universitätsklinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie hat nach eigenen Angaben als erste Klinik ihrer Art in Deutschland eine Hypnossprechstunde eingeführt und gute Erfahrungen damit gemacht: Seit Anfang 2002 wurden bereits 120 Patienten zwischen 15 und 87 Jahren für die Behandlung in Trance versetzt – auf eigenen Wunsch, versteht sich. Ergebnis: 95 Prozent der Patienten überstanden die Operationen entspannter und mit weniger Angst als früher.

Hypnose erobert die Chirurgie Hypnose zur Entspannung und Schmerzlinderung wird in der Zahnheilkunde schon seit längerer Zeit angewendet. Die Lübecker Chirurgen haben jedoch Neuland betreten: Sie führen selbst ausgedehnte kieferchirurgische Eingriffe, Tumoroperationen am Gesicht und wiederherstellende Eingriffe, bei denen Haut verlagert werden muss, statt unter Vollnarkose unter örtlicher Betäubung und Hypnose durch, sofern der Patient sich dazu bereit erklärt.

Erster Test: Ein Arzt im "Selbstversuch“ Der erste Patient, der sich in Lübeck unter Hypnose unters Messer begeben hat, war der in der Klinik für diese Form der Operation verantwortliche Arzt, Dr. Dirk Hermes. Er ließ sich von seinen Kollegen zwei verlagerte Weisheitszähne herausoperieren. "Es war sehr angenehm, selbst kurzzeitig auftretende Schmerzen haben mich nicht gestört“, erinnert er sich. "In Trance war ich Segeln und fühlte mich entspannt und distanziert von dem, was gerade mit mir geschah.“

OP-Licht wird zur Sonne, der Sauger vermittelt Meeresrauschen Mit Hilfe der Hypnose kann nach Auffassung der Lübecker Ärzte vor allem sehr ängstlichen Patienten die Angst vor einer unangenehmen Zahnbehandlung genommen werden. Mittels Musik und beruhigender Worte gelangen die Patienten in einen entspannten Zustand, während dessen sie sich intensiv zurück liegende, schöne Erlebnisse vorstellen. Die Behandlung, vor der sie sich so gefürchtet haben, rückt in den Hintergrund. Die Situation ist vergleichbar mit einem Film, in den der Zuschauer versinkt und die Rückenschmerzen, die der klapprige Kinostuhl verursacht, gar nicht spürt. Die Requisiten der medizinischen Behandlung können sogar in die Hypnose eingebaut werden und ihre Wirkung noch verstärken: Das OP-Licht suggeriert Sonnenschein, der Speichelsauger Meeresrauschen, und die Abdecktücher täuschen sommerliche Wärme vor. Hermes: "Auf diese Weise kommt es zu einer völligen Umdeutung der Situation.“

Weitere Studien sollen folgen Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich Herzschlag, Blutdruck und Atmung unter Hypnose normalisierten, während die Patienten wach und ansprechbar blieben, sagt Hermes. In zwei wissenschaftlichen Studien wollen die Lübecker Ärzte nun unter anderem herausfinden, ob sich die Hypnose auch günstig auf den Heilungsverlauf auswirkt.

Wird der Patient "willenlos“? Viele Patienten können sich nicht oder nur schemenhaft an die Behandlung erinnern. Dabei sind die Betroffenen während der Trance nicht narkotisiert oder gar willenlos. Ganz im Gegenteil: "Gegen seinen Willen kann niemand hypnotisiert werden, alles geschieht in gegenseitigem Einvernehmen. Der Patient ist während der Hypnose wach, ansprechbar und kann aktiv in die Behandlung einbezogen werden. Außerdem ist er jederzeit in der Lage, seine Augen aufzuschlagen und die Trance abzubrechen.“ Wichtig sei, so Hermes, in ausführlichen Vorgesprächen den Patienten auf Hypnose und Behandlung vorzubereiten.

Die Hypnose-Sprechstunde findet mittwochs statt, telefonische Voranmeldung unter 0451-500 2269 (Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie, Direktor: Prof. Dr. Dr. Helmut von Domarus, Uniklinik Lübeck)

idw/GesundheitPro.de

26.8.2002
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